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FRAUEN KREISCHEN, STAMPFEN DIE ERDE

Mombasa - Kampala
19.07. - 06.09.1995
© Sabine Vess


 

ocker, rost, grau.
schrilles Kreischen der Frauen, ihr
Stampfen der Erde.
dass ich lebe!
Trommeln.
auch ich kann so kreischen.
was lässt Frauen zur Begrüssung so kreischen?
heben sie sich so über die kommende Erniedrigung hinweg?
übertäuben den kommenden Schmerz?
ist es der Jubel des 'ich lebe!'?

 

"Es ist nichts für mich", sagt Victor und reicht mir den Brief, "dich kann ich nicht zurückhalten."

Im Sommer 1895 zogen die ersten Mill Hill Missionare in einer Karawane von Mombasa aus nach Kampala. Zum Andenken daran wollen wir ihren Weg im nächsten Sommer mit unseren schwarzen und weissen Freunden noch einmal ablegen...
Es ist weder praktisch noch nötig uns strikt an die damaligen Etappen zu halten, auch lässt sich der Weg nicht immer mehr zuverlässig ermitteln. Doch wie jene wollen auch wir Kampala am 6. September erreichen...
Bei durchschnittlich 30 km pro Tag rechnen wir mit 50 Tagen: 47 Lauf-, 3 Rasttagen.
Am 19. Juli brechen wir in Mombasa auf...
Kisumu, 18.12.1994
Hans
Das Hin nach Kampala jener ersten Missionare war Teil des Hins der Weissen zu den Quellen des Nils. Wer seine Quellen behrrschen würde, würde den Fluss, die Länder am Fluss beherrschen.

Wir lernen uns 1966 beim Aktzeichnen auf der Akademie in Breda kennen. Nach noch einigen Jahren im Mutterhaus in London geht Hans in Kisumus Elendsvierteln arbeiten. Bis die Weissen in den sechziger Jahren weg mussten, war er in Uganda stationiert.

In den sechziger Jahren blättert der katholisch christliche Glaube unwiderruflich von mir ab.

Ich sage zu.

"Was ist Afrika für dich", fragst du. "Laufen ums Leben", höre ich mich sagen und dass ich mir dessen ganz sicher sei. "Laufen um nicht entkommen zu können", fragt Trautwein.

Schuhe, irrsinnige Schuhe.
Ich muss mich beim Laufen aus den Hüften heben.
Gestern habe ich einen ganzen Tagesabschnitt geschmeckt, mehr sogar, zum Atelier und wieder nachhause.
Reiher gleiten im Tiefflug neben mir her.
Die kleinen Zehen jammern auch nach sechs, sieben Stunden nicht mehr. Ich habe die Schuhe da weiten lassen, meine Füsse sind breit.
Ich stehe um 5 Uhr 30 auf, gehe nach oben, arbeite bis kurz vor 7 Uhr. Wir frühstücken. Gegen 8 Uhr gehe ich und bin kurz nach 11 Uhr im Atelier, brauche etwa 20 Minuten um mit irgendetwas wirklich anfangen zu können, greife nach dem oder dem.
Nur hin tastet meinen gewohnten Tagesrhythmus kaum an, laufe ich auch zurück, muss ich anderes definitiv streichen. Wie viel Zeit wir gebrauchen nur um wieder, wenigstens örtlich, zurückzukehren.
Nach 20 km schaltet das automatische Laufen ein.
Nach 36 km ist alles müde, will nicht mehr. Das Gehirn mahlt weiter.

Die mir Abschied gebende Seite schreit wieder auf.

Nach Schiphol
14.07.
Der Blitzt schlägt ins Signalsystem ein. Wir sind Gefangene des Zuges, seiner Geschwindigkeit. Träge zieht die Landschaft an uns vorbei, als wolle sie mich, niemanden gehen lassen, ist wahnsinnig grün, nass. Die Flüsse dampfen.

Im Flugzeug
Schiphol/Abu Dhabi:
Totenköpfe zeigen sich in meinem Heft.

Von Abu Dhabi an herrscht im Flugzeug eine andere Atmosphäre.

Nairobi
15.07.
Ich trage mein Gepäck selbst. Wechsele Geld. Setze mich auf eine Bank, warte auf Jaap. Schauen nur schauen. Ich habe kein Buch mitgenommen. Jaap kommt mit einer anderen Maschine. Von Nairobi nach Mombasa fliegen wir zusammen.
Die Augen offen halten. Das Gepäck nicht unbewacht lassen. Es ist frisch. Nairobi liegt hoch. Sie hantieren die Besen. Ihr Auffegen ist mehr ein behutsames Auf- und Wegwirbeln des Staubes.

Der Mann in dem Sperrholzverschlag, der die Flughafengebühren kassiert, hat ein ausgeschrieenes Gesicht, grau, auch wenn es schwarz ist.
Ich bin in einem anderen Zeitgefüge. Als seien Tote unter uns und wir unter Toten.

Mombasa
Zu fünft reden sie, um uns herumlaufend, auf uns ein, wollen alle fünf, als wir ins Taxi steigen, ihren Lohn.

An einer Müllhalde vorbei, an Menschen vor Bruchbuden, vor Wellblechwänden, im Dreck, geradeaus laufend, einem Stück Bude, Wellblech, Dreck. Ihr Zug in der Gosse - zwischen Buden, Marktständen, auf der Erde liegender Ware mit Menschen daneben, Autos, Fahrrädern hindurch - reisst nicht ab. Lepröse Füsse stechen aus angefressenen Mauern, liegen quer über den Bürgersteigen. Daneben eine offene Hand. Ein ständiger Wind von Pestiziden weht durch die Strassen. Todbringender Atem. Ihre Leiber müssen voll davon sein.

Das alte Hotel mit seinem offenen überdachten Treppenhaus liegt gegenüber der Kathedrale. Von übermorgen an versammelt sich da unser Zug, schlafen wir die Nacht vor dem Aufbruch in einer Scheune da. Die Klimaanlage unterkühlt das Zimmer. Ein Fenster steht offen. Entlang der Umzäunung des Territoriums der Kathedrale steht Bude an Bude mit Andenken, abscheulichen Andenken.

Das sich anhäufende Elend kann sich kaum mehr erheben, geschweige denn aufbrechen. Nach wohin denn? Wachposten mit Gummiknüppeln vor Banken, vor Geschäftskomplexen.

Dann ist einer dieser Jungen unser Führer, unser mit braun gefleckten Zähnen lächelnder Vorschatten, weicht nicht mehr von uns, erzählt, weist, beschützt uns, wie er sagt.
Ihre Bewegungen reichen weit über die Glieder hinaus. Als trieben sie auf einem rollenden Strom, der, in die Erde tauchend, sie mitzieht, von hinten wieder ergreift, durchrollt.
Auf einer belebten Geschäftsstrasse verlangt der Führer lächelnd seinen Lohn. Ist weg. Er ist kein offizieller Führer, die tragen eine Plastikkarte mit Name, Foto und Funktion auf dem Hemd. Die offiziellen können die wilden anzeigen. Wahrscheinlich nehmen sie ihnen die Hälfte des Erlöses ab.

Schuttreliefs heben die Köpfe, recken sich. Es muss hier viele Ratten geben.

Kein ungekochtes Wasser trinken, kein rohes Gemüse essen. "Fish?" "Fish." "Soda?" Soda is alles an süssem Zeug, dem Kohlensäure zugefügt ist. "Bier." Der Strom fällt aus. Sie bringen Kerzen. Schalten den hoteleigenen Generator ein.

16.07.
Ich ziehe immer weitere Kreise ums Hotel. Gehe zur Kathedrale. Sie ist voller Sonntgsmenschen. Ordner mit Schärpen. Sie reichen einander die Hände, auch mir, gehen zur Kommunion. Ich gehe raus auf den Hof. Vielleicht weiss der Priester, wann Hans kommt. Der Priester ist Inder. Aus Goa. "Vielleicht morgen", sagt er. "Wenn Sie Kampala lebend erreichen und hierher zurückkommen, zelebriere ich eine Messe für Sie. Der Weg ist gefährlich und voller Banditen und wilder Tiere." Ein grosser magerer Schwarzer zeigt mir einen Brief mit der Unterschrift von Hans. "Charles."
"Sabine."
"Hei."
Seine Identitätskarte. Die offizielle Erlaubnis für x Tage Uganda. Eine Quittung über 750 Kenia Schillinge für diesen Marsch. Es käme mir nicht in den Sinn ihm meine Quittung, meinen Pass mit dem Visum zu zeigen. "Mein Vater ist ein armer Mann." Er ist fanatisch, sein Rücken noch sehr gerade. Er ist Luo.

"Sie können ihm vertrauen", sagt der Ober, "können mit ihm in die Stadt gehen. Er will Ihnen die Stadt zeigen, Sie zu seinem Bruder mitnehmen. Sie können getrost mit ihm gehen."

Die Absätze der Ober sind schief. Sie laufen auf diesen schiefen Absätzen, als seien sie Herren. Irgendwann dringt zu mir durch, dass die Absätze schief sind.

Rostiges Rot, gelbe bis graue Todmüdigkeit der Gesichter und Bewegungen, ständiger Wind von Pestiziden. Sie laufen wie aufgezogen, die ganze Strasse, und dann rennt die ganze Strasse, als kippe sie. Die Fähre, die da noch liegt, könnte die letzte sein. Ein Seil wird quer über die Strasse gespannt. Sie fangen sich. Stehen. Ein Priester aus Sega mit Freunden. Sega ist, wo Charles herkommt. Sie erkennen einander an der Sprache. Die der Luo ist so weit von der in Mombasa entfernt wie Russisch von Holländisch.
"Hei!"
"Kampala!"
"Hei!"
Sprechen sie untereinander, befindet sich ihre Stimme in einer gewissen Hochlage, bis auf ein immer wiederkehrendes gebrummtes 'Hm'. Wie das Geräusch von Insektenschwärmen.

Kinder und Erwachsene schauen mir unverwandt in die Augen und ich ihnen. Bleiben schauen, ich auch. Sie lachen, lachen unbändig. Mein Lachen fällt hier nicht auf. In Europa werden sie unruhig, wenn ich länger als ein paar Sekunden schaue, senken die Augen, fangen an an sich herumzufummeln, laufen rot an, schauen mich ermahnend an, wenn ich lache.
Wie kopflos schesen sie auf die Fähre zu.
Der Markt: westliche Kleidung aus zweiter Hand, Nahrungsmittel, Staub, Kanister. Holzkohle. Noch entlang den Ständen mit frischem Fisch und Fleisch, durch süsslichen Geruch verwesenden Blutes zurück. Schwarze Fische, nein, weisse, schwarz vor Fliegen.
Am besten gravierst du dir deine Nummern unter die Haut um vor Diebstahl sicher zu sein, die Hände freizuhaben. Angst macht aggressiv, will überschrien sein. Nur Kleingeld halte ich in Handbereich.

"Zum Bruder?" "Ja. Weit?" "Nein." Charles weist über die rechte Schulter. Der Bus. Er hat kein Geld für den Bus. "Zwei Fahrscheine." Busse, schlimmer als seinerzeit in Polen, in Russland. Menschengewimmel nach Menschengewimmel durchkreuzt von den geradlinigen Zügen in den Gossen. Sie laufen wie Kolonnen von Zugameisen. Trittst du in eine Kolonne Zugameisen, befallen, zerfressen sie dich sofort. Entlang Wohnblocks, deren Fronten schon zeigen, wie überbelegt sie sind, freistehenden Häusern im Kolonialstil Richtung Flugplatz, an der Müllhalde vorbei, Richtung Zementfabrik durch dicke graue Stinkluft. Die Strassen sind voller entsetzlicher Schlaglöcher. Weit, weit vorbei der Zementfabrik, vorbei letzten Wellblechwänden beginnt eine andere Zivilisation. Eine Lehmhüttenstadt mit Gemüseständen zur Durchgangsstrasse hin. Menschen sitzen auf dem Boden. Wir steigen aus. "Hei!", gehen in die Hüttengassen.
Die Frau des Bruders sitzt vor der Türöffnung. Ihr Kind spielt im Sand. Sie trägt ein Umschlagtuch, einen Kanga, bis unter die Achseln. Charles und ich gehen in die Hütte, setzen uns auf die zwei Hocker. Drei Baumwolllappen teilen den Raum auf. Hinter den Lappen steht das Bett, ist die Feuerstelle, steht der Wasserkanister. Wenn sie mir nur kein Wasser anbietet. Sie spült sich die Hände. Zieht ein T-Shirt an, meinetwegen oder weil Charles da ist und der Mann nicht. Reicht mir die abgespülte Hand. Wir sitzen zehn Minuten, erheben uns, reichen ihr die Hand, gehen. "Laufen", fragt Charles. "Den Bus", sage ich. Allein hätte er die Strecke laufen müssen. Entlang den Wellblechwänden, Menschen im Schutt, übervollen Blocks. Ich habe seit fünf Stunden nichts gegessen oder getrunken, Charles sicher viel länger nicht.

"Tee? Essen?" "Soda", sagt Charles. Trinkt aus. Will kurz weg.
Jaap kommt und dann kommt auch Charles wieder, will uns die Stadt zeigen.
Ohne Führer kannst du Fort Jesus nicht besichtigen. Charles wird ohne Eintrittskarte durchgelassen. Dies und das, ein Laden, eine Kanone, Stiche von früher. Bevor der Führer sich verabschiedet, seinen Lohn verlangt, hält er Jaap und mir einen Zettel hin. Er hinkt leicht. Charles ist aus Sega, nahe Uganda, irgendwie hergekommen, hat 750 Kenia Schillinge für den Marsch bezahlt, aber keine Schuhe, keine Decke, keine Matratze, kein Mückennetz, keine Wasserflasche, kein Geschirr, kein Besteck, keine Socken, kein Handtuch, keinen Regenschirm, keine Taschenlampe. Er gibt uns den Zettel. "Bitteschön." Es ist Sonntag und nahezu Abend.
"Morgen früh um 9 Uhr im Hotel." "Um 8 Uhr", sagt Charles. "Nein, um 9 Uhr."

17.07.
Vor der Bank steht ein Posten mit Gummiknüppel. Für das Wechseln meines Dollarschecks muss ich durch noch eine Tür. Hinter der sitzt ein Posten mit Gummiknüppel.
Einer erhebt sich, lacht, beugt sich hin zu der Frau, die mich bedient, und sagt: "Sie ist katholisch, ich habe sie gestern in der Kirche gesehen." Ich habe ihn auch gesehen.
Jemand sagte: "Es dauert Tage, vielleicht Wochen, bevor du Afrikaner unterscheiden kannst, anfangs sind sie alle nur schwarz." Sie sind und bleiben schwarz oder braun. Gesichtszüge und Motorik unterscheiden sie von Anfang an.

Charles kommt gegen halb elf. Die Schuhe kaufen wir in einem Schuhgeschäft, sie sollen nicht allzu hart sein und bis Kampala halten. Es ist deutlich, dass er noch nie Schuhe getragen hat. Das Warenhaus ist vergittert. Taschen müssen abgegeben werden. Dann hat er alles. Wir geben ihm Geld für den Bus, auch für die Rückfahrt. Um vier Uhr hinter der Kathedrale.

Er steht schon da mit noch einem grossen wuchtigen Schwarzen: "George" und seinen Sachen. George schaut mich abschätzend von oben bis unten an, schüttelt den Kopf, lacht.

Die Autos aus Kisumu kommen. Hans und ich haben uns im Dezember 1988 bei einer meiner Vorstellungen in Amsterdam zuletzt gesehen.
Sie steigen und klettern aus, laden die Wagen aus und ab; auch drei Kinderchen mit Rotznasen. Unser Konvoi besteht aus einem Geländewagen für die Küche, zwei weiteren für das grosse Gepäck und einem grünen Peugeot, unserem Begleit- und Furageauto.

Die Scheune ist Unterrichtsraum, da schlafen wir morgen. Der Wasserhahn ist draussen, die Klos im Pfarrhaus und noch ein paar in dem Männerwohnheim auf dem Gelände.

Noch vergesse ich sofort, welches Gesicht zu welchem Namen gehört.

Bis auf die, die in der Scheune Wache halten, und das Küchenpersonal essen wir zusammen im Hotel, trinken Bier, manche Soda. Ich geniesse meine vorläufig letzte Mahlzeit an einem gedeckten Tisch, die Dusche, das Bett,

18.07.
das Frühstück mit dampfendem Kaffee.

... Nachher werden Leute beim Gottesdienst sein, die morgen nach NL fliegen. Ich habe schon entsetzlich viel gesehen und es hat noch nicht einmal angefangen. Ich habe kurz mit Mutti gesprochen. Aber ein kurzes Gespräch kostet von hier aus 20 Dollar. Ich werde probieren jedes Mal, wenn jemand zurückfliegt, einen Brief mitzugeben. Jaap fliegt am 10. August zurück. Dann hast du einen, wenn ihr aus Amerika kommt.
Jaap und ich haben gestern noch einen Afrikaner ausgestattet, Charles. Schuhe - seine Autoreifensandalen reissen aus -, eine Decke, ein Mückennetz, eine Flasche für Wasser... Er ist irgendwie hergekommen, also muss der Rest auch klappen. Und wir sind so stinkreich. Er hat mich zum Haus seines Bruders mitgenommen. Sie weisen mit der Hand schräg nach hinten: "Da, nicht weit." Wir waren mit dem Bus - solche Busse hast du noch nie gesehen - eine Dreiviertelstunde unterwegs. Entlang den Elendsvierteln, durch Strassen, die alle aussehen wie der Russenmarkt in Katowice. Entlang brennenden Müllhalden, einer Zementfabrik. Aussteigen. Alles Lehmhütten wie auf Missionsbildchen von früher. Die Hütte ist von innen einigermassen kühl. Drei Baumwolllappen teilen den Raum in einen Schlaf- und einen Wohnteil. Im Schlafteil ist auch die Feuerstelle. Die Frau passt auf das Kind auf, das erste, sorgt dafür, dass das Feuer nicht ausgeht. Wir haben da nichts gegessen oder getrunken, nur zehn Minuten gesessen und sind wieder gegangen. Der Bruder war nicht da.
Ich bin mit diesem Charles auf einem Markt gewesen, wo ich keinen Fisch kaufte. Zum Markt mussten wir mit der Fähre. Beim Sehen der Fähre fangen all die Menschen, die ganze Strasse, an zu rennen. Sie scheinen immer im selben Trab zu laufen, sicher auf Durchgangsstrassen. Alles erledigen sie zu Fuss, können sich den Bus nicht leisten. Die Strassen sind voll und voll und voll. Massen freundlicher Menschen belagern dich, bieten dir ihre Dienste an: Führer, alles Mögliche. Der Führer, den du nicht abwimmeln konntest, ist dein Führer. Er beschützt dich auch. Willst du in eine Bank, musst du erst dem vor der Tür stehenden Wachposten mit Gummiknüppel sagen, was du willst. Zum Wechseln von Dollarschecks musst du durch noch eine Tür. Hinter der sitzt einer mit Gummiknüppel. Als ich dasitze, erhebt sich einer, lacht und sagt der Frau, die mich bedient: "Sie ist katholisch, ich habe sie gestern in der Kirche gesehen." Ich wollte die Atmosphäre schon atmen und schauen, ob Hans vielleicht schon da war. Und nach der Messe habe ich diesen Charles getroffen.
Abends im Hotel fiel jeden Abend der Strom aus. Dann kleben sie eine Kerze mit einem Tropfen Wachs dicht an die Tischkante. Musst du aufs Klo, musst du die Kerze mitnehmen. "Das macht nichts", sagt ein Gesicht, das sich kaum vom Dunkel abhebt, und stellt Bier und Wasser schon hin, "wir haben unseren eigenen Generator." Und dann ist wieder Licht. Geht wieder aus.
Heute Nacht schlafen wir in einer offenen Scheune hinter der Kathedrale. Da sitze ich jetzt. Hans ist Hans und Vater Hans. Er will jetzt Querflöte spielen. Sein Bruder, seine Schwägerin und Cousine schlafen. Sie sind heute erst gekommen. Da duftet ein Becken mit gehackten Zwiebeln. Hans spielt jetzt. Das hört sich so rund an wie die Formen der nackten Frauen, die er damals zeichnete. Ob dick, mager, mit Flaschenbeinen oder strammen Schenkeln, auf seinem Papier endeten alle in selben Rundungen.
Mit Hans kamen gestern auch die Leute aus Kisumu. Sie sind pechschwarz. Lachen. Mein Lachen fällt hier nicht auf...
Unser Zug sammelt sich. Fünfundvierzig sind wir, so ungefähr. Einige stossen unterwegs zu uns, ein ganzer Schub erst in Nairobi. Einige verlassen uns irgendwo. Die Hälfte sind Schwarze, die Hälfte Weisse.
Josephina, Marita, Felicitas. Felicitas ist Marktfrau, kauft für uns ein, hilft beim Kochen, schrubbt die Töpfe. Mary, Kizito, Paul, die Rotznasenkinder Franziska, Hildegard und Anastasia. Bumping. Bumping trägt die Kinder, wäscht sie in einer Schüssel, trägt die Zeitung weg, auf der sie ihre Notdurft verrichten, bringt sie aufs Klo, wäscht Küchenwäsche, Laken und Kleidung, putzt Gemüse. Sie ist sechzehn, vielleicht siebzehn Jahre alt, gross, wuchtig, mit diesen Bewegungen, die über die Länge ihrer Arme weit hinausreichen, ihre Zähne haben braune Flecken. Lucy, Chris, Gabriel, Andrew, Patrick, Charles, Charles, Canute, George, Lwanga, John F. Kennedy, einer der Chauffeure, der Koch, der auch Chauffeur und der Sohn von Felicitas ist. Die meisten der Schwarzen kommen aus den Elendsvierteln Kisumus.
Drei Jungen und ein Pater aus Tirol.
Ein Vater mit seiner Tochter, Iren aus England.
Hans, sein Bruder Eugène, seine Schwägerin Lidy und Cousine Vera, Theo, Jan, Jaap, Liliane, Hanneke, Ankie, die Holländer.
Manche Gesichter haben noch keinen Namen, manche Namen noch keine Gesichter. Anastasia, unser Krachschläger, und Franziska sind die Kinder von Mary und Kizito; sie haben noch sechs. Hildegard ist die Tochter von Paul; seine Frau kommt erst nach Nairobi zu uns. Paul ist der Bruder von Mary. Anastasia kreischt, bis Mary sie anlegt und dann weiter bis jemand anders sie nimmt.
Auf ein mannshohes kahles Holzkreuz, das da steht, schreibt Jan mit Filzschreiber Mombasa - Kampala 19. 7. - 6.9. 1995.

Es wird die ganze Strecke getragen. Es ist das Mutterkreuz. Nachher, nach der Messe, wird ihm das erste uns überreichte kleinere Kreuz mit Korpus aufgebunden. Jan ist für das Kreuz verantwortlich und erster Träger. Er kommt aus Limburg, lebt seit gut einem Jahr in Kisumu, gibt da Zeichenunterricht. Er ist pensioniert. Witwer.

Jeder Ankömmling sucht sich gleich einen Platz, rollt seine Unterlage aus, bläst seine Matratze auf, legt sie auf die Unterlage, darauf den Schlafsack, hängt sein Mückennetzt darüber. Dein grosses und kleines Gepäck stellst du am besten rechts oder links deines Kopf- oder Fussendes. Diese knappen 2 mē sind dein persönliches Reich bis zum Aufbruch am nächsten Morgen.
Ich begreife, dass ich mich von jetzt an bis Kampala zum Zeichnen auf meine Matratze zurückziehen muss.
Es regnet.

Der Bischof zelebriert die Messe. Chris, neben mir, zischt: "Hut absetzen!" Hans predigt. "Die Botschaft lautet: Sharing Jesus (Jesus teilen)." Zum äusseren Zeichen tragen wir den hier empfangenen, gekreuzigten und - gekreuzigt, wie er ist - dem kahlen Mutterkreuz aufgebundenen Menschensohn bis zur nächsten Gemeinde. Binden ihn da, gekreuzigt, wie er geblieben ist, ab. Übergeben ihn und übernehmen ihren gekreuzigten Menschensohn, tragen ihn - gekreuzigt, wie er ist - dem Mutterkreuz aufgebunden bis zur nächsten Gemeinde, übergeben, übernehmen und tragen diese gekreuzigten und gekreuzigt, wie sie sind, kurz wieder dem kahlen Mutterkreuz verbundenen Menschensöhne bis nach Kampala. Von da nehmen die Leute aus Kisumu das kahle Mutterkreuz ohne aufgebundenen gekreuzigten Menschensohn wieder mit nachhause.
Der Korpus auf dem ersten Kreuz, das wir erhalten, ist der eines Weissen; alle Korpusse in der Kathedrale sind weisse.

Die Messe versetzt mich in die Jahre nach dem Krieg. "Tochter Zion." "Grosser Gott wir loben dich." Du gehörst dazu, auch als Vertriebene. Die Liturgie ist auf Latein und so gut wie für alle Gläubigen unverständlich, die Dazugehörigkeit nach der Messe vorbei. Jede Kreuzung wird zum Kreuz erhoben, an das Vater, Mutter, Onkel, Tanten, Nachbarn dich, im Namen des Herrn, zu hängen drohen. Und du hängst dich dran, bevor sie Hand an dich legen, vor der Drohung schon. Leib und Seele krampfen sich zusammen. Das Sehvermögen reicht nicht über das eigene elende Blickfeld hinaus. Solche Masse gleich Missformter, in ihre Missformung im Voraus Einwilligende, gibt das Gebot der Angst weiter, ist ein sich dauernd versichernder Machtblock. Mein Vater konvertierte als Krüppel.

Nach dem Essen wäscht jeder sein Geschirr und Besteck selbst ab. Draussen stehen dafür zwei blaue Eimer mit heissem Wasser. Neben dem ersten liegt Kernseife und ein Scheuerschwamm. Mit Scheuerschwamm und Seife schrubbst du im ersten Eimer Teller, Becher und Besteck und tauchst alles im zweiten noch einmal unter. Jeder hat sein eigenes Geschirrtuch.
Theo denkt, dass er Malaria oder Ruhr hat oder die Malariatabletten nicht verträgt. Vor achtzehn Tagen noch war er in Indien. Er ist mager, sein oberer Rücken gebogen, er schlurft auf Sandalen. Will Priester werden; späte Rufung.

Morgen laufen wir 40 km. Ziehen um 4 Uhr los. Hans will vor Morgengrauen aus der Stadt raus sein. Um 3 Uhr müssen wir aufstehen. Ich stelle meinen Wecker auf 2 Uhr 45. Ich brauche fünf bis sechs Viertelstunden, will ich mich ohne zu hasten fertig machen: aufs Klo, am liebsten vor der Schlange, mich waschen, eincremen und anziehen, die Füsse extra versorgen, die zwei Paar Socken und die schweren Schuhe anziehen, Mückennetz, Laken, Schlafsack und Unterlage aufrollen und verstauen, das grosse Gepäck fertigmachen und hinstellen - die grossen Zeichenblöcke stecken schon im grossen, mein Notizbuch kommt ins Tagesgepäck - Tee trinken, ein weisses Wattebrot mit Margarine und roter Marmelade beschmieren und aufessen, die Flasche mit abgekochtem Wasser füllen, eine Stulle für unterwegs schmieren, mit Margarine und Erdnussbutter oder Zucker, eine Handvoll Erdnüsse in Empfang nehmen, Messer, Löffel, Teller und Becher abwaschen und verstauen, Zähne putzen, noch einmal austreten, den Tagesrucksack auf den Rücken nehmen, den Schal umtun, den Hut aufsetzen und fünf Minuten bei mir sein, ganz still.
Dass jeder sich jeden Tag, auch unter primitivsten Umständen, ohne allzu viele Reibereien auf seine Art fertig machen kann, ist Voraussetzung für einen guten Tagesstart. Der Aufbruch darf sich nicht verzögern.
Wir laufen gemäss des alten französischen Infanterieschemas: 50 Minuten laufen, 10 Minuten rasten, der erste Laufabschnitt beträgt zwei Stunden.

Auch die Küche ist in der Scheune untergebracht, gekocht wird auf Holzkohle und Propangas. Das Wasser für unterwegs wird abends abgekocht. Jeder bekommt ein Hemd mit der Route drauf.


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